In Wolfsburg wird jetzt dem Lynchmord an Sidney A. Benson gedacht.

Ortsrat Stadtmitte bekennt sich zur Aufarbeitung Wolfsburger Stadtegeschichte.

Im Ortsrat Wolfsburg-Stadtmitte hatte ich beantragt, dem Lynchmord am US-Pilot Sidney A. Benson im Jahr 1944 in der Stadt des KDF-Wagen, zu gedenken. Zu dieser Initiative kam ich durch eine Anregung des Historikers Roland Beilner. Er hatte auf die Geschichte aufmerksam gemacht.

Ursprünglich lautete mein Antrag darauf eine Straße nach Benson zu benennen. Mit dem Ortsrat hatten ich mich dann auf eine Stele auf dem Reislinger Markt verständigt, die jetzt der Öffentlichkeit übergeben wurde. Ich freue mich über diesen Erfolg für die Aufarbeitung der Wolfsburger Stadtgeschichte.

Danke an Herrn Beilner und meine Kolleginnen und Kollegen im Ortsrat. Mit Ausnahme der CDU hatten alle für die Stele am Reislinger Markt gestimmt.

Über den Lynchmord an Sidney A. Benson:

Am 29. Juni 1944 flog ein Geschwader aus B-24-Bombern der US-Luftwaffe einen Angriff auf das Volkswagenwerk. Dabei wurde die „Little Warrior“ durch die deutsche Luftabwehr abgeschossen – allein 2nd Lieutenant Sidney A. Benson gelang der Ausstieg aus der brennenden Maschine. Er konnte sich mit seinem Fallschirm retten und setzte am Westrand der heutigen Wolfsburger Gemarkung Windberg unverletzt auf dem Boden des Deutschen Reiches auf. Keine zwölf Stunden später, gegen 22 Uhr desselben Tages, war er tot. Er wurde Opfer einer grausamen Form der Selbstjustiz.

Seine Leidensgeschichte begann direkt nach der Landung, als er gefangen genommen und noch an Ort und Stelle einem HJ-Führer übergeben wurde. Dieser schoss ihm bei einem angeblichen Fluchtversuch mehrfach in den Rücken. Benson schleppte sich noch bis vor das Stadtkrankenhaus, wo er von einigen Luftschutzwarten in Empfang genommen wurde. Ein Mob von circa 50 bis 60 Personen trat und schlug dort unter anderem mit Eisenstangen auf den wehrlosen Flieger ein, der blutüberströmt mit zertrümmertem Schädel im Straßengraben liegen blieb. Eine Krankenschwester sollte später, als der Fall in der Nachkriegszeit vor dem „Military War Court“ in Dachau verhandelt wurde, aussagen, sein Gesicht sei „nur ein Klumpen Blut“ gewesen. Der ermittelnde Staatsanwalt erkannte, wie er während des Verfahrens in einem Memorandum festhielt, in der Tat „a clear case of murder by mob violence“. Selbst im Krankenhaus wurde dem bewusstlosen Soldaten zunächst jegliche Hilfe verweigert, ja die Misshandlung setzte sich auf medizinischer Ebene fort: Ein Krankenpfleger verabreichte ihm absichtlich eine viel zu hohe Dosis Morphium.

Der Wolfsburger Fall reiht sich in eine ganze Reihe vergleichbarer „Fliegerlynchjustiz“-Morde ein, sind doch weit mehr als 300 Fälle überliefert. Sie belegen eine zunehmende Radikalisierung der damaligen deutschen Gesellschaft. Das kollektive Fehlen eines Unrechtsbewusstseins, das solche Akte der Selbstermächtigung erst möglich machte, war Folge der erfolgreichen NS-Propaganda, die verdeutlichte, dass in Fällen einer „Lynchjustiz“ von einer polizeilichen und strafrechtlichen Verfolgung abgeraten werde. Indem sie den Bomberpiloten den Status als Soldaten aberkannte, agierte sie im Widerspruch zum geltenden Völkerrecht.
Die für den Tod Sidney A. Bensons Verantwortlichen konnten mit wenigen Ausnahmen ihr Leben unbehelligt fortsetzen. Selbst die beiden in der Nachkriegszeit in Dachau Angeklagten und dort Verurteilten hatten ihre Strafe nicht abzusitzen und wurden vorzeitig aus der Haft entlassen.